Sel des Alpes - Der blog

Die Mailänder Cascine: Landleben in der Grossstadt

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Wer in Mailand weilt und sich für Produkte aus der Region interessiert, stösst früher oder später auf die Cascine, welche die ländliche Architektur in der ganzen Lombardei prägen. Sie sind das kulturelle Erbe der landwirtschaftlichen Vergangenheit dieser Region. Einige erinnern nur noch wegen der Quartiernamen daran, andere sind bis heute erhalten geblieben und wurden mit öffentlichen oder privaten Geldern renoviert. Teilweise mitten im Stadtzentrum stehend, sind sie eine willkommene Abwechslung im Grossstadtdschungel,, um im rustikalen und authentischen Ambiente lokale Produkte zu probieren – vor allem im Sommer eine wunderbare Alternative, um etwas frische Luft zu tanken. Also auf geht’s, sind Sie dabei?

Aber nur kurz einen Moment noch! Bevor ich Ihnen viele gute Adressen empfehle, möchte ich zuerst mehr über die Cascine erzählen, denn sie sind ein Teil der lokalen Geschichte und bieten einen Blick in vergangenen Zeiten. Seit einigen, Jahren gibt es in Mailand Bestrebungen, dieses Erbe zu erhalten und ihm einen neuen Platz in der Gegenwart zu geben. Dazu kommt, dass man sich, wenn man von Bauernhöfen spricht, eine ländliche Gegend vorstellt. Aber dem ist nicht so, denn auf Mailänder Stadtgebiet stehen um die sechzig Cascine. Der Grossteil dient gemeinschaftlichen Zwecken und ist im Komitee Cascine Milano vertreten, das sich für ihre Aufwertung sowie die Belebung verlassener Bauernhöfe einsetzt. In der Lombardei gibt es insgesamt 500 solcher landwirtschaftlicher Gebäude von grossem historischen und ökologischen Wert. Die Cascine sind, wie bereits 1288 der Mailänder Schriftsteller Bonvesin de la Riva schrieb (auf Lateinisch, Anm. d. R.), «aussergewöhnliche Orte, und es sind ihrer so viele, dass es unmöglich ist, sie alle aufzuzählen». Los geht’s, denn diese historischen Bauernhöfe bieten Ihnen die Gelegenheit, die Geheimnisse der Region zu entdecken.

 

La Cascina Cuccagna - bäuerliches Flair im Herzen von Mailand

Wenn Sie in Mailand nach Cascine fragen, wird man Sie zur Cascina Cuccagna schicken. Die Cascina Cuccagna ist ein Paradebeispiel für die Mailänder Politik der in Sachen Wiederbelebung von Bauernhöfen auf Stadtgebiet. Ihre Wurzeln reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück, als die Fatebenefratelli-Mönche dort Heilkräuter anbauten. Heute wird sie von mehreren Vereinen genutzt, die dort etliche Aktivitäten für alle Altersgruppen anbieten. Wenn Sie zufälligerweise mit dem Velo an der Porta Romana ankommen, so können Sie diesem eine Beautykur bieten und sich gleich auch noch etwas in Mechanik weiterbilden. Oder Ihnen liegt eher die Natur am Herzen und Sie möchten mehr über die Arbeit mit Holz oder das Gärtnern erfahren. Aber vielleicht lassen Sie sich ja überhaupt nicht für manuelle Tätigkeiten begeistern. Dann können Sie auch einfach ein paar Blumen kaufen oder sich einen Film ansehen.

In der Cascina Cuccagna findet ausserdem zweimal pro Woche, jeweils dienstags und freitags von 15.30 bis 20 Uhr, ein Markt statt, auf dem Sie direkt bei den Produzenten Früchte, Gemüse, Käse und Joghurt, aber auch Reis, Teigwaren und Wein erstehen können. Sollten Sie nach den Einkäufen eine Ruhepause benötigen, empfiehlt sich ein Besuch des Restaurants Un Posto a Milano. Gönnen Sie sich hier zum Nachmittagskaffee oder zum Zvieri ein Stück hausgemachten Kuchen. Am Dienstagabend bekommen Sie hier einen aperitivo agricolo mit Produkten aus der Umgebung und Wein aus der Region für 5 Euro das Glas. An den anderen Wochentagen (ausser montags) können Sie in der Vinothek Vigne di Giotto eine gute Flasche italienischen Wein erstehen und sich von den Kochkünsten Nicola Cavallaros verwöhnen lassen. Für ihn, der einst ein Lokal an einem Naviglio betrieb, ist Un posto a Milano «ein Ort der Begegnung, ein Ort der Esskultur und ein Hort des landwirtschaftlichen Erbes». Im Restaurant, das im industriellen Stil gehalten ist, gibt es über Mittag ein Büffetangebot für 15 Euro mit einem grossen Gemüseteller, gutem Brot, einem Kaffee und einem Glas Wein. Sie können auch à la carte bestellen, wobei Sie schnell verstehen werden, warum im berühmten italienischen Gastroführer Gambero Rosso beim Un posto a Milano ganze drei gamberi prangen.

Wo: Quartier Porta Romana – Via Cuccagna 2/4, Ecke Via Muratori, Mailand (Metrostation Loddi, Linie 3, 20 Minuten ab Stazione Centrale FS)

Web : www.cuccagna.org

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La Cascina Martesana – auf dem alternativen Bauernhof lässt es sich gut grillieren

Auch sehr zu empfehlen ist die Cascina Martesana, die erst letztes Jahr eröffnet wurde. Sie liegt im Osten der Stadt im gleichnamigen Park am Ufer des Naviglio Piccolo. Dort stand Ende des 19. Jahrhunderts das Bagnin della Gorla, das aus dem Kanalnetz gespiesene Freibad Mailands. Die Cascina Martesana wurde von drei Freunden gekauft, dann kam Silvia dazu, die tagsüber die Bar betreibt. Geöffnet ist nur während der Sommersaison von April bis Oktober. Es herrscht eine alternative Atmosphäre im Geiste der 68er. Während der Saison wird ein breitgefächertes Monatsprogramm (Ausstellungen, Konzertabende, Konferenzen usw.) angeboten. Im Hof finden jeweils samstags im Rahmen des Zyklus SabatoLibro Lesungen statt. Die grüne Umgebung bietet Raum für sportliche Aktivitäten, wobei auch Kinder auf ihre Kosten kommen. Und wenn Sie gestresst sind oder Natur hautnah erleben möchten, können Sie dienstags und donnerstags eine Ayurveda-Massage geniessen.

Aber widmen wir uns wieder weltlichen Dingen: Die Cascina Martesana ist in Mailand zweifellos ein guter Tipp für einen Grillabend unter Freunden. Sie können Ihr Fleisch selbst mitbringen, dann bezahlen Sie 1 Euro, oder vor Ort kaufen. Die Cascina Martesana stellt ausserdem Öl, Saucen, Teller, Pfeffer und natürlich auch Salz zur Verfügung. Wenn Sie dieses Angebot nutzen möchten, kaufen Sie die entsprechende Karte für 5 Euro. Und weil weltliche und spirituelle Nahrung Hand in Hand gehen, sollten Sie nicht vergessen, das Programm zu konsultieren und beispielsweise an der Konferenz «Cibo e…» oder einem Workshop zum Bau eines umweltfreundlichen Tonofens teilzunehmen.

Où : Via Bertelli 44, Mailand (Metrostation Gorla, Linie 1; mit dem Velo erreichbar)

Web :  www.cascinamartesana.com

Agrotourismus – authentische regionale Tradition

Immer mehr Cascine werden privatisiert, setzen aber die landwirtschaftliche Tätigkeit fort und verkaufen ihre Produkte direkt ab Hof. Einige bieten zudem Unterkünfte oder auch Aktivitäten im Freien an. Sie finden diese in Reiseführern in der Rubrik «Agrotourismus». Während das Angebot in der ganzen Lombardei sehr gross ist, kann die Servicequalität im Gegenzug nicht unbedingt mithalten. Doch Sie werden auf jeden Fall stets mit der Gastfreundschaft aufgenommen, die den Leuten vom Land eigen ist. Und da sich der Umweg von Ihnen zu Hause aus wirklich lohnt, hier noch ein paar gute Adressen. 

Cascina Cavriano, vom Produzenten zum Konsumenten

Im Parco Lambro, einem der grössten Parks von Mailand im Osten der Stadt, befindet sich die Cascina Cavriano, wo Sie in der Atmosphäre eines Bauernhofs von anno dazumal die naturnahe Umgebung geniessen können. Der Bauernhof wurde Ende der Sechzigerjahre von der Stadt gekauft. Die Familie Colombo bewirtschaftet das Land schon seit drei Jahrhunderten. Die ersten Spuren landwirtschaflticher Tätigkeiten lassen sich bis ins Jahr 1014 zurückverfolgen. 

Das ganze Jahr über finden zahlreiche Veranstaltungen statt (Konzerte, Theater und sogar Bogenschiessen usw.). Es lohnt sich also, vor dem Besuch einen Blick ins Programm zu werfen.

Auf der Cascina Cavriano ist die Liebe zu saisonalen Hofprodukten deutlich spürbar: Salat, Petersilie, Salbei, Koriander, Spinat, Tomaten, Zucchini, Peperoni usw. – alles, was ein Gemüsegarten hergibt, aber auch, was in einem Obstgarten wächst: Äpfel, Birnen, Pflaumen, Feigen usw. Nicht zu vergessen Marmelade und frische Eier. Und hier ist alles bio. Doch ob Sie nun mit leerem oder gefülltem Körbchen zurückkehren, Sie sollten den Ausflug auf jeden Fall dazu nutzen, um an der frischen Luft ausgiebig lombardische Spezialitäten zu verkosten.

Où : Via Cavriana 51, Mailand (Sonntag und Montag geschlossen)

Web : www.cascinacavriano.com

Cascina Nibai

Die Cascina Nibai ist ein Gebäude aus dem 9. Jahrhundert. Damals waren darin die Familien untergebracht, die das Land bearbeiteten. Heute beherbergt die Cascina eine Sozialgenossenschaft, welche die Werte der gemeinschaftlichen Arbeit, der biologischen Landwirtschaft und der verantwortungsvollen ökologischen Produktion pflegt. Genauer gesagt sind hier sogar drei Genossenschaften unter einem Dach vereint: Eine ist für die Bewirtschaftung des Bodens und die Verarbeitung der Produkte zuständig, eine für die soziale Eingliederung über die Entwicklung von Dienstleistungen und letztere hilft, Personen mit eingeschränkter Mobilität mittels Praktika einzugliedern. 

Die Produktion ist biologisch oder biodynamisch. Sogar das Tierfutter ist garantiert ohne Chemie. Die zum Verkauf angebotenen Produkte sind allesamt mit einem Gütesiegel versehen. Zudem geht ein Teil der Erlöse aus dem Verkauf an Projekte in Ländern des Südens. Es werden zahlreiche Aktivitäten im Rahmen der Produktion oder der Verarbeitung der Landwirtschaftsprodukte angeboten.

Où : Via al Cavaro, Cernusco

Web : www.nibai.it

La Cascina Corba, ein Restaurant in ländlicher Umgebung

Von Mailands Zentrum aus sind Sie in einer Viertelstunde schon im Grünen. Hier können Sie in Ruhe Ihren Gaumen verwöhnen. Die Cascina Corba liegt nahe bei der gleichnamigen Strasse und ist zu Fuss erreichbar (in etwa 10 Minuten von der Metrostation Primaticcio), doch am besten kommt man mit dem Auto, denn das Restaurant befindet sich zwar in Mailand, jedoch am südwestlichen Stadtrand in einem Quartier mit öffentlich genutzten Gebäuden. Man kann sich unschwer vorstellen, dass der Bauernhof aus dem 14. Jahrhundert damals von Feldern umgeben war.

Aus dieser Epoche stammen die eingeschossige Bauweise und die Arkaden, die heute die drei Essbereiche trennen, und ebenso die zwei Fresken, eine davon vermutlich ein Original, auf dem imposanten Eck-Cheminée, das im Winter für eine warme Atmosphäre sorgt. Das rustikale Dekor mit den verputzten Wänden, an denen Jagdbilder hängen, und dem Terrakottaboden harmoniert wunderbar mit dem von Hortensien gesäumten Garten. An heissen Sommertagen können Sie auf der kühlen Pergola des Restaurants die Grillspezialitäten des Hauses geniessen. 

Vor dem Restaurantbetrieb diente die Cascina als Lager für Rollmaterial der städtischen Reinigungsdienste. Heute bietet der Besitzer Alessandro Lanfranconi hier authentische italienische Küche, wobei die Gäste die Wahl zwischen der Karte und zwei Degustationsmenüs haben. Letztere gibt es nur abends, ein Fischmenü für 50 Euro und ein Fleischmenü für 45 Euro, Wein inklusive. Am Mittag können Sie das Tagesmenü probieren (primo, secondo und contorno für 26 Euro).

Où : Via dei Gigli 14, Mailand (Metrostation Primaticcio, Linie 1)

Web : www.cascinacorba.it

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Cascina Triulza

Und wenn Sie wegen der Weltausstellung in Mailand sind und während Ihres Aufenthalts keine Zeit für einen Spaziergang im Grünen haben, lege ich Ihnen einen Besuch der Cascina Triulza auf dem Gelände der Expo 2015 ans Herz. Sie ist eine der wenigen Gebäude, die bereits vor der Weltausstellung dort standen. Die Cascina Triulza ist ein typisches Beispiel für die regionale ländliche Architektur. Ganz im Geiste der Bauernhöfe auf Mailänder Stadtgebiet beherbergt die Cascina Triulza nationale und internationale Verbände und dient als Pavillon der Zivilgesellschaft. Sie können dort essen und zudem zahlreiche Produzenten antreffen. 

So, wenn Ihnen das Agrotourismus-Konzept zusagt, kann ich Ihnen zudem die Cascina Galizia empfehlen, welche ich im 6. Video vorgestellt habe (Wo? Strada Provinciale 127 (Km 2+250), 20012 Cuggiono, Milano), oder besuchen Sie die Webseite www.agricity.it

Habe ich Ihnen zuviel versprochen über die Bauernhöfe in Mailand?

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Sophie, 21. Juni 2015

21. Juni 2015
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